Bericht 2010 Pulmonale Rehabilitation
Ein neues Instrument dokumentiert die wichtigsten Untersuchungs- und Therapiebefunde. Damit belegt es die Wirksamkeit der pulmonalen Rehabilitation mit objektiven Daten.
Erneut haben die Patientenzahlen der stationären pulmonalen wie auch der allgemein internistischen Rehabilitation zugenommen. Das durchschnittliche Alter liegt gegenüber dem Vorjahr unverändert bei rund 68.8 Jahren und die durchschnittliche Aufenthaltsdauer bei 18.7 Tagen.
Lungenrehabilitationsprogramme sind wirksam: Sie verbessern selbst bei schwerkranken Lungenpatienten die Leistungsfähigkeit, die Symptome und die Lebensqualität. Dass diese Erkenntnis immer klarer zutage tritt, erklärt womöglich - nebst der guten Vernetzung und Zusammenarbeit mit unseren wichtigen Zuweisern - diesen erfreulichen aktuellen Trend.
Doch obschon die Evidenz klar für die pulmonale Rehabilitation spricht, wird es immer wichtiger, die Zweckmässigkeit der Rehabilitation weiter zu begründen und gegenüber den Krankenkassen zu legitimieren. Diagnosebezogene Entgeltungssystemen reichen nicht aus; die pulmonale Rehabilitation benötigt zusätzliche funktionsbezogene Entgeltungssysteme. Daher ist es wichtig, über eine fundierte Datenlage unserer Patienten zu verfügen.
Lungenpatienten sind nie „nur“ an der Lunge krank; die allermeisten Lungenerkrankungen sind komplexe Systemerkrankungen und die Patienten polymorbid. Eine umfassende multidisziplinäre pulmonale Rehabilitation dieser Patientinnen und Patienten benötigt deshalb das Wissen und das Können vieler verschiedener Berufsgruppen. Ein gutes Zusammenspiel, eine effiziente Kommunikation und eine gemeinsame Sprache werden dabei immer wichtiger. Nur wenn die wichtigsten Ergebnisse der verschiedenen Therapien und Untersuchungen rasch allen zur Verfügung stehen, können die Reha-Ziele sinnvoll angepasst und das Management optimiert werden.
Ein neues Werkzeug zur Dokumentation
Seit Mitte Jahr benützen wir ein neues Instrument, das „Pneumo Outcome Tool“. Die verschiedenen Berufsgruppen dokumentieren darin ihre wichtigsten Untersuchungs- und/oder Therapiebefunde. Alle Beteiligten können diese unmittelbar einsehen. So ist beispielsweise allen schnell ersichtlich, wie viel Sauerstoff ein Patient benötigt, wie ausgeprägt seine Atemnot ist, wie viele Treppenstufen er zu bewältigen vermag, ob er einen Rollator benützt, usw. Zusätzlich werden die absolvierten Rehabilitationsmodule aufgeführt. Bei Austritt wird dem Arztbericht ein einseitiges Outcomeblatt beigefügt, das die Fortschritte resp. Erfolge auf einen Blick erkennen lässt. Dabei ergeben sich wertvolle, zeitsparende Nebeneffekte: Der nachbetreuende Hausarzt oder Pneumologe gewinnt einen umfassenden und schnellen Überblick, der Assistenzarzt darf endlich kürzere Berichte schreiben, und der Chefarzt freut sich über die statistischen Möglichkeiten. Wer dieses Instrument etwas genauer anschauen möchte, findet entsprechende Informationen auf der Homepage www.rehabern.ch/kompetenz-lunge.html
Was aber soll denn nun genau bei den Lungenpatienten gemessen werden und welche Verbesserungen sind wirklich relevant? Während eines halben Jahres wurden bei allen Lungenpatienten, die an einer schweren oder sehr schweren chronisch obstruktiven Lungenerkrankung (COPD) leiden, vor und nach der Rehabilitation ihre Lebensqualität, ihre Symptome sowie ihre Leistungsfähigkeit gemessen. Der Schweregrad der Erkrankung wird mit dem sogenannten BODE-Index gemessen. Dieser setzt sich zusammen aus Leistung (6-Minuten-Gehstrecke), Schwere der Atemnot, den ventilatorischen Reserven und dem BodyMassIndex. Je höher die Punktezahl, desto kränker der Patient und schlechter seine Prognose.
Lebensqualität und Symptome wurden mit einem Fragebogen erhoben, der speziell für COPD-Patienten entwickelt wurde. Es zeigte sich, dass sich die Lebensqualität in beiden untersuchten Gruppen in allen Kategorien (Atemnot, Müdigkeit, Lebensbewältigung, Emotion) signifikant verbesserte. In der kränkeren Gruppe konnte die Atemnot jedoch nicht so stark reduziert werden wie in der etwas „gesünderen“ Gruppe.
Deutlicher Anstieg der Pflegeleistungen
Im „Pneumo Outcome Tool“ werden die Pflegeleistungen noch nicht erfasst. Deshalb ist noch nicht genau bekannt, wie sich die Pflegeleistungen zur Schwere der Lungenerkrankungen verhalten. Unabhängig davon zeigen jedoch die Daten aus der Leistungserfassung der Pflege (LEP) erneut einen deutlichen Anstieg der Pflegeleistungen im Pneumobereich. Ohne Zweifel haben aber nicht nur die Patientenzahlen, sondern auch die Schwere der Erkrankungen zugenommen, wie das nachfolgende Beispiel zu illustrieren vermag: Herr S. ist 60-jährig und leidet an einer schwersten obstruktiven Lungenerkrankung. Das Rauchen hat er bereits seit längerer Zeit eingestellt. Aufgrund einer Lungenentzündung muss er in Burgdorf hospitalisiert und längere Zeit auf der Intensivstation beatmet werden. Seine minimalen ventilatorischen Reserven verunmöglichen es, ihn vom Beatmungsgerät zu „entwöhnen“. Es muss ein Luftröhrenschnitt durchgeführt werden, und Herr S. wird über eine Atemkanüle weiterhin beatmet. Nach einem komplikationsreichen Verlauf mit Infekten, gelingt schliesslich die Verlegung auf eine Normalabteilung, und Herr S. wird zur Rehabilitation im Berner Reha Zentrum angemeldet.
Einen beatmeten Patienten zu rehabilitieren, stellt eine grosse Herausforderung dar. Da das Berner Reha Zentrum jedoch immer öfter Patientinnen und Patienten mit einer Atemunterstützung oder Heimventilation betreut, gewinnt auch die Pflege im Umgang mit diesen Patienten zunehmend an Erfahrung. Herr S. wurde bereits in Burgdorf durch eine in Schlaf- und Beatmungsmedizin engagierte Pflegefachfrau aus unserem Hause beurteilt (Abbildung 1), sodass er nach intensiven Abklärungen in die Rehabilitation des Berner Reha Zentrums aufgenommen werden kann. Zu Beginn wird Herr S. unter Gebrauch seines Beatmungsgerätes körperlich trainiert. Einen genaueren Einblick erlaubt folgender Kurzfilm. Allmählich gelingt es, die Beatmung immer weiter wegzulassen und letztendlich ganz zu sistieren. Die Trachealkanüle kann entfernt werden. Nach einer siebenwöchigen, stationären Rehabilitation ist es nun möglich, Herrn S. ohne Beatmung undmit nur wenig zusätzlicher Hilfe nach Hause zu entlassen. Selbstverständlich sind eine fortsetzende ambulante Rehabilitation und enge pneumologische Kontrollen wichtig, damit die erreichten Verbesserungen weiterhin erhalten werden können. Das Beispiel von Herrn S. zeigt eindrücklich, dass Reha-Erfolge immer Erfolge eines Teams sind.

